Schule – kein Lernen für´s Leben

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Vor fast einer Woche hat eine Schülerin (Gymnasium) etwas geschrieben, was jetzt große Kreise zieht und die Leser in zwei Gruppen spaltet. Ich werde mich hier nur mit meiner Meinung zu Worte melden, was Medien oder sonst wer denkt, das juckt mich herzhaft wenig.

Hier aber erst einmal der Tweet:

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.
Naina (@nainablabla) 10. Januar – Twitter

Als ich einen Bericht im TV über eben diesen Tweet sah, kam mir sofort eine Situation in den Kopf, die wohl das Problem auch ganz gut beschreibt, oder aber: etwas, was ich am Gymnasium lernen musste, aber nie den Sinn dahinter verstanden habe:

Ich musste die Knochen-Namen des Fisch-Skeletts auf Englisch beherrschen, ich habe sogar eine Klausur darüber schreiben müssen – alles in Biologie. Wir haben so viel Zeit mit dem Fisch-Skelett verbracht, dass es mich erstaunt hat – denn scheinbar ist dieses Skelett wichtiger in der Schule als es der eigene Körper (bzw. menschliche Körper) ist.

Es geht weiter damit, dass ich sehr vieles über die diversen wichtigen Kriege, Revolutionen etc. der Welt lernen musste – aber die deutsche Geschichte heruntergekürzt wurde, alles was unangenehm sein könnte wurde geschickt übergangen oder war erst gar nicht ausführlich in den Geschichtsbüchern vorhanden. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir im Geschichtsbuch mehr als doppelt so viele Seite über die Französische Revolution hatten, als es für die Zeit unter Hitler der Fall war. Da stellt sich die Frage: ist die Geschichte meines „eigenen“ Landes so unwichtig? Ich weiß es nicht, ich persönliche empfinde es als Schande.

Ein Highlight war und bleibt aber unser Politik-Unterricht in den tieferen Stufen, mit einem Buch mit dem Stand von ca 1991 welches die Hälfte der Klasse nutzen musste, da man nicht 30 aktuellere (ca von 1998) Bücher zur Verfügung hatte. Zur Erinnerung: Ich bin 1989 auf die Welt gekommen, und seit 1991 war (wie ihr sicherlich wisst) so einiges passiert. Was haben wir gemacht? Genau, mit Kopien gearbeitet – unvollständig, sinnbefreit und nutzlos.
Was ich über Politik weiß? Das habe ich im Sozialwissenschafts-Kurs in der Oberstufe gelernt – einer der Kurse, die ich für einen der Sinnvollsten in meiner ganzen Schullaufbahn bezeichnen würde. Man lernt irgendwo für´s Leben, zumindest habe ich das – teilweise.

Weitere „Lowlights“ (Gegenteil zu „Highlights“, da man die Beispiele nicht als was Gutes ansehen kann):

  • Mathematik: Ich kann hervorragend gut die Fläche unter einer Kurve in einem Graphen berechnen. Zinsen? Zinseszins? Ja, da war mal was, abgehandelt in ungefähr 4 Schulstunden. Als Vergleich: das ach so wichtige Kurvenzeugs hat uns Wochen gekostet. Macht das Sinn? Okay, dies ist eine rhetorische Frage, die Antwort sollte klar sein: nein, tut es nicht.
  • Deutsch: Gedichtanalyse und Gedichtinterpretation. Versmaß, Kadenz, Reimschema – das kann ich immer noch, auch wenn ich es nach der Schule nie mehr gebraucht habe. Wieso sollte ich auch? Anstatt Weltliteratur zu lesen, haben wir Werke gelesen, die verstaubt und absolut unnötig waren – aber nicht nur in diesem Fach…
  • Englisch: Und genau so geht es auch weiter – anstatt Weltliteratur, haben wir semi-wichtige Literatur gelesen. Und wie haben wir Weltliteratur abgefrühstückt? Bruchstückhaft, vielleicht einmal mit einer schlecht gemachten Verfilmung. Und das war´s.

Die Liste könnte ich für fast alle meiner Fächer weiterführen – unter der Überschrift „Dinge die ich lernen musste, die aber keinerlei Funktion in meinem Leben haben werden“ oder aber „Nutzloses Wissen aus der Schule“. Kennt jeder dieses Gefühl, oder? Und jeder kennt auch den Satz „Sag das doch nicht, du weißt doch nie wann du es wieder brauchst“.
Sorry, aber ich weiß ganz genau, dass ich das Fisch-Skelett auf Englisch nie wieder brauchen werde, und auch Versmaß, Kadenz und Hast-du-nicht-gesehen tangieren mich so rein gar nicht mehr. Klar, wer eines dieser Fächer später als Fachrichtung im Studium hat, ist (pardon) selbst Schuld. Aber wir sind Schule, und nicht Studium.

Meiner Meinung nach sollte eine Schule, egal welche Schulform, auf das Leben vorbereiten – und ja, dies schließt Allgemeinbildung mit ein, zu einem gewissen Grad (und bevor jetzt alle schreien: ja, dafür sind auch die Eltern zuständig, aber nicht für alles).

Viele Schüler gehen von der Schule ab, und, oh Wunder: ja, sie arbeiten. Und haben keine Ahnung wie das alles funktioniert. Steuern? Zahl ich die, wie viel, was, wie wo, wie läuft das alles? Versicherungen – was ist das, machen doch meine Eltern (und was, wenn dann irgendwann nicht einmal?). Und und und – niemand erwartet, dass die Schule einen zum Steuer-Experten oder Versicherungs-Fachmann ausbildet. Aber, Hand auf´s Herz: ist das nicht viel wichtiger für´s Leben eines jungen Menschen als das Fisch-Skelett, als Versmaß und Flächen unter einer Kurve?

Wer da jetzt „nein“ sagt, der dürfe mir bitte erklären wieso er dies so empfindet – denn ich kann es nicht nachvollziehen. Und der Grund, dass Bildung und Wissen auch etwas sind, wo Menschen eine „Hol-Pflicht“ haben, das zieht nicht. Ja, haben sie. Aber Bücher und Internet sind am Ende des Tages nicht das gleiche, als wenn man es von einem Menschen erklärt bekommt – oder versteht ihr die Rechtstexte zum Thema Steuern immer?

Von all den Fehlinformationen, die man im Internet findet, davon fange ich erst gar nicht an zu reden, ansonsten würde dieser Beitrag explodieren.
Und auch das alles auf die Eltern abzuwälzen geht mal gar nicht – ich hatte das Glück, dass ich doch recht gut vorbereitet ins Leben hinausmarschiert bin, dank meiner Eltern. Aber das Glück hat vielleicht nicht jeder, es gibt immer junge Leute, deren Eltern solche Sachen nicht weitergeben, nicht erklären können – aus immer welchen Gründen, es gibt Situationen wo Menschen diese Informationen eben nicht bekommen.
Und dann geht es um Gleichberechtigung, die die Schule herstellen könnte – wenn sie den wollte…

Das sind nur wenige Dinge, die wichtig sind, aber in keiner Schule wirklich angesprochen werden – stattdessen füllt man den langen Schülertag mit Dingen, die meiner Meinung nach nicht viel bringen und eh nicht hängen bleiben – weil eben jeder bemerkt, dass man es nur bis zu Klausur oder dem Abschluss brauchen wird, und danach getrost vergessen kann, weil es eben nichts ist, was einen ein Leben lang helfen kann.

Fazit? Liebes Ministerium, bitte überdenkt die Lehrpläne. Nur weil man z.B. auf´s Gymnasium geht, heißt es nicht, dass ich direkt nach der Schule meine eigene Herde an Sklaven, errr, Angestellten habe, die sich um Versicherungen, Steuern und sonstiges kümmern.

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One Response to Schule – kein Lernen für´s Leben

  1. everydaylifespion says:

    Absolut der gleichen Meinung!

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