In Schmutz und in Schande

Dieser Beitrag – es ist eine Geschichte. Seit ich “In Schmutz und in Schande” von Versengold gehört hatte, bei der Nacht der Balladen, hatte ich diese Geschichte im Kopf. Und sie wollte und wollte nicht mehr hinaus aus meinem Kopfe. Und deshalb habe ich sie nun niedergeschrieben.

Als Vorgeschmack gibt es hier direkt im Post einmal ein Video zu einer Performance dieses Songs (man ignoriere das lustige Zwischenspiel – aber leider gib es keine bessere Version des gesamten Liedes).

Langsam gehe ich an diesem Friedhof vorbei – wie oft ich hier früher vorbeigegangen war, und mich gefragt hatte, ob ich denn jemals eins Kreuz bekommen würde. Ein Kreuz, welches an mich erinnern würde. Oder ob ich dann einfach weg wäre – aus den Augen aus dem Sinn. Man würde mich wohl vergessen, egal was ich tat. Das war mir jetzt klar. Früher hatte ich die Hoffnung, dass man sich für Menschen wie mich interessieren würde.

Oder hatte man dies nicht schon längst getan? Mich vergessen? genau wie es mit so vielen vor mir geschehen war? All diejenigen, die es nicht besser gehabt hatten als ich, die mit mir durch das Lande gezogen waren? Niemand würde sich an uns erinnern, wieso auch – wohl würden sie sich sogar noch eher freuen, wenn es ein paar weniger von uns geben würde. Von uns, dem Gesindel. Von den zerlotterten Gestalten, die nichts hatten – weder eine Heimat, noch Geld, und nur in Banden auftraten. Da hatten wir uns sicher gefühlt, da hatten wir eine Familie – wir waren alle gleich, jeder hatte das gleiche Schicksal: wir waren geboren wurden, um Schande zu verbreiten.

In armen Verhältnissen, waren teilweise in einem dreckigen Hinterhof auf die die Welt gekommen. Unsere Väter, wir fanden sie in den Kneipen und wussten, was diese Lokalitäten waren bevor wir sprechen konnten. Aber: Väter? Vater? War mein Vater denn überhaupt mein Vater? Wenn ich meine Mutter anschaute, und meine Geschwister – ich wage es zu bezweifeln. Ich wollte nie wissen, woher das bisschen Geld kam, was meine Mutter damals nach Hause brachte. Wenn sie denn überhaupt nach hause kam, nach vielen Tagen und Nächten, in denen sie wieder einmal verschwunden gewesen war. Aber auch das Geld brachte nichts – wir froren, wir hungerten. Es war ganz normal, wir kannten es nicht anders. Damals schon wollten wir uns selbst helfen – ich allen voran, mit Mut und Verzweiflung im Hinterkopf.

Es würde nicht auffallen, wenn hier und da etwas fehlen würde, wenn ein goldener Taler weniger der Kirche zuging, oder in einer Kasse fehlte. Doch der Tag kam, die Sonne war gerade entsprungen – und meine Kindheit sollte in genau diesem Moment sein Ende gefunden haben. Der goldene Taler, der vom Vortag, der war wohl der eine zu viel gewesen. Man wollte nicht mehr die Augen davor verschließen, dass Kinder wie ich durch die Straßen zogen und man schnell die Türen schließen musste, wollte man sein Hab und Gut schützen. Damals, da brachte man mich fort. Ab ins Zuchthaus, genau wie viele meiner “Freunde”. Oder eben Leidensgenossen. Denn das wurden wir dort, wo keine weinerliche aber leicht lächelnde Mutter einem den Kopfe tätschelte, wenn man wieder mit einem neu erstandenen Taler nach Hause kam.

Getätschelt – oh ja, das wurden wir aber. Mit Gürteln, oder aber mit allem, was zur Hand war. Ein falsches Wort, manchmal nur ein Wort per se reichte aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Wieder und wieder, die Stöcke flogen nur so auf unsere Rücken, auf unsere Kinderfinger. Man hörte das Knacken, die unterdrückten Schreie, das heruntergeschluckte Weinen und die verdrückten Tränen. Man sollte es einfach nicht noch schlimmer machen, als es eh schon war. Man musste seinen Mann stehen, oder es zumindest versuchen – soweit dies halt funktioniert, wenn man gefühlt erst gestern das Laufen erlernt hatte. Gestern, heute, morgen – es war alles gleich – die gleichen Schläge, die gleichen Fehler, die gleichen Gedanken. Gedanken daran, wie man wohl weiteren Tagen entrinnen könnte.

Es wurden Pläne geschmiedet. Im Stillen. Eine geheime Sprache erfunden. Jeder hörte alles, die Wände hatten Ohren und diese hatten die Stöcke und Peitschen. Vertrauen? Wem denn. Wir waren eine kleine Gruppe, wir wussten, wir würden zusammenhalten – das hatten wir schon immer. Zusammenaufgewachsen, mit dem gleichen Schicksal bedacht. Wir wussten, dass uns nichts anderen helfen würde. Als das “wir”. Diese Bande. Und die wurde umso enger, als wir es eines Nachts dann schafften, zu entfliehen. Nach viel zu vielen Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen, nach viel zu vielen gebrochenen Knochen, Striemen und blauen Flecken.

Aber wir waren frei. Was denn auch Freiheit ist – frei wieder selbst schauen zu müssen, wie man überlebte. Frei, wieder auf der Straße. Frei. Wenn wir aber zu dieser Zeit eines wussten: das einste Zuhause würden wir nicht noch einmal sehen. Es hatte uns nie eine Heimat geboten, jedes Elternhaus war wohl froh, dass man weg war. Ich denke kaum, dass mich meine Eltern vermisst haben, so viele wie nach mir kamen. Die schlammigen und dreckigen Ecken und Gassen, zusammen mit der wachsenden Menge an Sündern und Ausgestoßenen, das war jetzt mein Zuhause gewesen. Mein Zuhause und meine Familie, jeder von uns war verdammt. Egal ob früher oder später (bei vielen eher früher), wir würden eh nicht in den Himmel kommen – der teufel war nun mal hinter uns her, und wir machen sogar ihm Konkurrenz.

Hatten wir einmal etwas in unseren Taschen, natürlich ehrwürdig erstanden, blieb es dort nie lange – die gier nach mehr, nach etwas nie dagewesenem trieb uns umher, zu taten wo wir dachten, es würde uns mehr Geld einbringen. Wenn wir es nur geschickt anstellen würden. Ein Spiel hier, ein Spiel da – einmal betrogen werden hier, und ein weiteres Mal da. Nein, Glück im Spiel hatten wir nicht. Aber dafür stattdessen doch sicher in der Liebe, oder? Aber wer hätte sich nur mit einem wie mir, wie uns, abgegeben? Und das freiwillig? Stinkend, mit dreckiger Kleidung, aus der Gosse, mit keinen Manieren – nein, auch dafür mussten wir blechen. Die letzten Taler habe ich immer wieder investiert, mit der Illusion: einmal werde ich eine überzeugen, dass ich viel besser bin, als es scheint. Dass da mehr ist, als es auf den ersten Blick aussieht.

Ich lies viel Geld, und auch meine Hoffnung – irgendwann war es normal geworden, dass man sich das Geld beschaffte, um es in ein bisschen Spaß einzutauschen. Wofür auch sparen? Damit es der nächste wieder einem abnahm, wenn man eine Sekunde lang nicht aufpasste? Nein. Das hätte nichts gebracht. Essen war optional, und nicht selten zogen wir durch die Lande mit knurrendem Magen – aber wir waren das ja gewöhnt. Wir waren ja so aufgewachsen, es war ein so heimeliges Gefühl. Die erkaufte Aufmerksamkeit, der leere Magen, der Husten der immer wieder die Runde drehte und uns näher an den Tod brachte, als wir uns damals haben vorstellen können. Aber irgendwie, ja irgendwie haben wir es immer wieder geschafft. Nicht alle. Aber der harte Kern.

Wir waren hart im Nehmen – und vielleicht waren wir auch schlimmer, als was sich der Teufel je hätte vorstellen können. Wir haben geklaut, gemordet, gehurt, gespielt, gesoffen – die Beichte würde da nicht mehr helfen, haben wir entschlossen. Es war hoffnungslos – wieso sollte man sich da also noch die Mühe machen, sich zu ändern?

Ja, so dachte ich. Damals. Damals, als ich jung war. Jetzt frage ich mich, ob wohl alles anders gekommen wäre, hätte ich Dinge…nun ja, anders angefasst. Wäre ich nicht immer auf der Flucht gewesen, hätte ich nicht immer nur im Jetzt gelebt. Denn ich wusste: bald wird es kein Morgen mehr geben. Und keiner wird sich mehr an mich erinnern. Denn niemand würde die Mühe machen, mich auch nur zu beerdigen. Ich würde einfach dort liegen, im Dreck. Im Matsch eines Hinterhofes. Der Kreis würde sich wohl schließen.

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